Montag, 14. November 2011

Viva Las Vegas!

2.Platz overall und 2.Platz M40! Bei der ITU Weltmeisterschaft Langdistanz konnte ich noch einmal spät in der Saison so richtig einen rauslassen. Wegen zu kalter Luft und Wassertemperaturen in Kombination wurde das Schwimmen abgesagt und der Wettkampf als Einzelzeitfahren durchgeführt. Im Abstand von 5 Sekunden wurden die Athleten auf die Strecke geschickt. Das kenne ich ja vom Skilanglauf. Man hat im Rennen dann nie einen Überblick, wo man liegt. Alles allein gegen die Uhr.
Am Start
Nach dem guten Rennen von Kopenhagen wollte ich noch einen weiteren Saisonhöhepunkt einbauen. Dazu bot sich die ITU Weltmeisterschaft im Triathlon Langdistanz in Henderson, Las Vegas USA an. Die Strecke ist sehr bergig sowohl auf dem Rad als auch beim Lauf. Über 2000 Höhenmeter auf 120 km Rad und 400 bis 600 Hm beim Laufen auf 30 km das ist schon was. Allerdings sind die Steigungen auf US Straßen eher gleichmäßig und die Steigungsprozente nicht so hoch. Ich mag es am liebsten sehr steil bergauf und dann wieder sehr steil bergab. Strecken hier
Ich flog am Mittwoch vor dem Rennen am Samstag nach Las Vegas und mietete mich in einem Casino Hotel zwischen Start und Ziel ein. Das Schwimmen sollte im Lake Las Vegas stattfinden, einem kleineren Stausee in der Nähe des großen Stausees Lake Mead. Die Umgebung von Las Vegas ist Wüste und hat keine natürlichen Seen. Das Hotel war günstig und es gab neben unzähligen Spielautomaten, die ich nicht anrührte, auch ein Büffetrestaurant, in dem man 3 mal pro Tag gut essen konnte. Die Auswahl war riesig von Mongolisch über Mexikanisch bis Italienisch und auch für Sportler war etwas dabei.  Das war ideal vor dem Wettkampf. Ich musste nicht auswärts nach geeigneten Restaurants suchen um etwas gescheites zu Essen zu bekommen. Das ist in den USA immer schwierig.
Nachdem ich mein Rad ausgepackt und zusammengebaut hatte erkundete ich die Gegend um das Hotel mit einer kurzen Fahrt auf dem Rad um die Funktionsfähigkeit zu prüfen. Dabei fiel mir auf, dass es in Las Vegas erstaunlich viele Radwege gibt. Entweder als Radstreifen am Rand einer 4 spurigen Straße oder sogar als separater Radweg neben der Straße. Das ist ungewöhnlich für die USA. Nur sind die Radwege nicht alle verbunden und das Linksabbiegen wird zum Stunt durch den fließenden Verkehr. Deshalb stellte ich bald auf das Zweischrittverfahren beim Linksabbiegen um, wie es mein Sohn bei der Verkehrserziehung vor kurzem gelernt hat. Zweimal über die Ampel und dann wieder einordnen. Das war viel sicherer aber unterbricht natürlich das Training für die Wartezeit vor den Ampeln.
Vor dem Rennen ließ ich ständig den weatherchannel im TV laufen, weil sich die Temperaturen immer mehr in Richtung Gefrierpunkt bewegten. Eine Kaltfront zog über die Rocky Mountains hinweg. In Nordnevada und Boulder schneite es 20 cm oder mehr. Als ich am Mittwoch ankam, hatte es noch angenehme 26 °C. Für den Renntag fielen die Prognosen immer weiter von zuerst 19 dann auf 5 bis 13°C. Da musste ich mir was einfallen lassen für die Wettkampfbekleidung. Nur mit dem Einteiler wäre viel zu kalt. Ich legte mir schon die Überschuhe, Trikot, langes und kurzes Unterhemd und Armlinge und Knielinge bereit. Die genaue Kleiderordnung wollte ich kurz vor dem Start festlegen.
Ein kleiner Testlauf in Wettkampfkleidung bei ca. 13 ° C im Schatten war ganz angenehm. Der Wind war zwar kalt aber in der Sonne fühlte sich das eher an wie 20°. Die Luft ist in der Wüste sehr trocken mit 20 % Luftfeuchte, da friert man in der Sonne nicht so schnell. Zum Schwimmtraining ging ich in das Henderson Multigeneration Center, dort war auch das Ziel und die Startnummernausgabe. Der 50 m Pool draußen wurde gerade umgebaut auf 25 yard Querleinen, so dass ich im Hallenbad mit 25 yard meine lockere Schwimmeinheit abspulte. Draußen wäre es auch bei 13 bis 16° Außentemperatur ziemlich kalt gewesen, obwohl vorher einige Schwimmer im wärmeren Wasser waren. Die brauchten dann aber auch den Hot Pool zum Aufwärmen. Das Center ist für die USA ein ungewöhnlich gutes Trainingszentrum und das für nur 2$ Eintritt.
Am Vorabend des Wettkampfs fand im Hotel neben dem Start das Welcome Dinner mit Nationenparade statt. Obwohl es bei der ITU Weltmeisterschaft weniger Teilnehmer als auf Hawaii gibt, vermittelt die ITU doch eine höhere Atmosphäre in Bezug auf eine Weltmeisterschaft. Hier stehen die Nationalteams klar im Mittelpunkt und die Athleten sind stolz ihr Land zu vertreten. Vor allem die Nationen Australien, Neuseeland, Kanada, Großbritannien und die USA  treten hier geschlossen und in den Nationaltrikots und Anzügen auf. Wir von der DTU hatten gar keine Deutschlandanzüge aber immerhin eine Flagge. Die DTU Anzüge müssten noch günstiger sein, dann hätte ich mir auch einen gekauft. Aber für nur einen Auftritt einen Trainingsanzug für fast 180 Euro zu kaufen, wo man schon 2 andere im Schrank hat das ist etwas zuviel. Außerdem ist der obligatorische DTU/ITU Wettkampfanzug mit 150 € schon relativ teuer. Mit Verbandssponsoring könnte man die Preise so attraktiv machen, dass man nicht darüber nachdenken muss die Sachen zu kaufen. Dann wäre die DTU auch besser repräsentiert.
Startbereich bei 3° C.

Am Renntag fuhr ich mit dem Mietwagen vom Hotel zum Start. Es war noch dunkel als ich am Start parkte. Ich war früh dran und fand leicht einen Parkplatz. Am Start prüfte ich die Wassertemperatur als ich die Durchsagen hörte: "Swim is canceled due to low combined air and water temperature". Aha! Das Wasser mit 17° hätte allenfalls eine Verkürzung der Schwimmstrecke erfordert aber die Kombination aus Luft- und Wassertemperatur machte eine Annulierung des Schwimmens unumgänglich. Auf meinem Tacho las ich eine Temperatur von 3,9 ° ab. Das wäre fatal gewesen nach dem Schwimmen bei so einer Temperatur auf das Rad zu steigen. Da wäre man nie wieder warm geworden. Es ging ja noch höher in die Berge dort ist es noch kälter. Es war allgemein zu hören, dass die meisten Athleten die Absage des Schwimmens unter diesen Umständen akzeptierten. Einen Lauf anstatt des Schwimmens konnte man auch nicht veranstalten, weil die Laufsachen am Ziel 20 km weiter weg platziert waren. Ich bereitete mein Rad vor und verzog mich dann bis zum verschobenen Start wieder in mein Auto und ließ die Heizung immer wieder laufen um bis zum Start warm zu bleiben. Das ist zwar schlecht für die Umwelt, aber ein kranker Mensch ist noch schlechter für die Umwelt. 45 min vor dem neuen Start lief ich mich warm. Für das Rennen hatte ich mich für die langen Kompressionsocken, kurze Booties über die Radschuhe, Windstopper Armlinge und ein Craft Unterhemd mit Windstopper entschieden. Die Socken musste ich anziehen, weil es die einzigen Socken waren, die ich dabei hatte. Für das Radfahren waren sie schön warm, bei Laufen eher zu warm. Etwa 15 min vor dem Start mussten wir uns in der Reihe bis zum Start aufstellen. Die Aufwärmkleidung mussten wir davor in die Kleiderbeutel verpacken. Im Schatten war das dann ziemlich kalt bis zum Start. Um mich herum waren ein paar Briten und Iren, die ihre Scherze trieben. Der spätere Dritte der M40 Matt Molloy hatte eine Nummer hinter mir und fiel mir schon auf durch sein Cervelo P4 mit Dura Ace Di. Ich wünschte ihm ein gutes Rennen und los ging's. Durch die 5 Sekundenabstände waren gleich sehr viele Athleten auf der Strecke, aber da es nach dem Start relativ schnell steil bergauf ging verteilten sich die Radfahrer und Windschattenfahren war überhaupt kein Thema, auch auf dem restlichen Teil der Strecke nicht, weil es immer bergauf oder bergab ging und auf den Straßen genügend Platz war und keiner Windschatten fahren musste.
An einem der vielen Anstiege

Die Unterschiede in der Leistung führten sofort dazu, dass ein schwächerer Fahrer abgehängt wurde. So ging es mir auch mit Matt Molloy, der mich sofort nach dem Start überholte. Ich konnte ihm ihn den langen Abfahrten einfach nicht folgen, weil der Seitenwind doch so heftig war, dass ich aus Sicherheitsgründen die Aeropostion verlassen musste. Als leichter Fahrer habe ich damit naturgemäß mehr Schwierigkeiten als die schwereren Jungs, die einfach liegenbleiben können. Vorne hatte ich mein Hed Jet 9 Laufrad drin, das schon sehr viel Seitenfläche bietet, dafür ist es aber auch sehr schnell. Außerdem habe ich kein anderes Laufrad zur Auswahl. Für nächstes Jahr muss ich mir da was überlegen für seitenwindanfällige Kurse. Außer von Matt wurde ich von keinem anderen Fahrer überholt. Aber das war natürlich kein sicheres Ruhekissen, weil hinter mir nur noch ältere Athleten waren. Ich musste mich also nach vorne orientieren. Ich war ständig am Überholen. Je niedriger die überholten Nummern desto besser. Matt sah ich auch immer wieder am Horizont und and den langen Anstiegen kam ich auch gut wieder an ihn heran, nur um dann in der langen und technisch einfachen Abfahrt meinen Vorsprung aus dem Anstieg wieder zu verlieren und weiter zurückzufallen. Doch ab Kilometer 95 ging es mehr bergauf als bergab bis ins Radziel. Jetzt sollte meine Stunde schlagen. Nach einem langen Anstieg über 4 km und über 3 harte Buckel mit bis zu 18 % Steigung hatte ich Matt hinter mir gelassen. Jetzt wurde es auch wärmer auf dem Rad und mein Winstopper-Unterhemd wurde mir fast zu warm. Zum Laufen musste ich das loswerden. Bergab schützte es mich aber hervorragend gegen den immer noch eisigen Wind. Auf dem Kopf hatte ich meinen neuen Giro Selector Helm. Dieser Helm hat keine Lüftungslöcher und ein Visier. Das ist gut für die Aerodynamik und am Anfang in der Kälte auch schön warm. Aber bei geringer Geschwindigkeit und Sonne kommt man ins Schwitzen und ist froh, dass durch die Löcher im Visier dann doch ein bißchen Luft herein bläst. Durch das Visier ist man von der Umwelt abgeschottet, das erleichtert die volle Konzentration auf den Wettkampf und das berühmte "tunnel vision" Gefühl kommt auf.
Tunnel vision, Armlinge, Windstopper Unterhemd und Kniestrümpfe










Die 120 km fahre ich von der Intensität wie die 90 km bei einer Mitteldistanz, so dass die letzten 30 km doch recht hart werden. Bis zum Ziel ging es dann durch den Ort Henderson noch ewig lange bergauf immer in moderater Steigung. Nicht ideal für mich aber ich überholte noch immer unaufhörlich und keiner der Überholten konnte dran bleiben. Also war ich dennoch schnell unterwegs, obwohl ich den Wechsel zum Laufen herbeisehnte. Da war auch schon die Wechselzone und ich konnte kaum aus den Radschuhen schlüpfen so unvorbereitet war ich. Im Wechselzelt zog ich die Armlinge und das Unterhemd aus, das dauerte länger als meine gewohnte Wechselroutine, weil ich zuerst den Einteiler herunterziehen musste, das Unterhemd ausziehen und dann den Einteiler wieder hochziehen. Deshalb ist meine Wechselzeit diesmal nicht so überragend. Besser wäre es wohl gewesen ein Radtrikot anzuziehen. Das kann man schneller ausziehen. Ich war mir aber nicht sicher, ob man nicht den offiziellen DTU Anzug ganz oben haben muss, deshalb zog ich die Unterhemd Variante vor. Im Nachhinein hätte ein schnellerer Wechsel auch nicht den ersten Platz gebracht. Die Unterhemd Variante war sicher viel aerodynamischer als ein flatterndes Trikot. Für nächstes Jahr muss ich mich mal nach einem enganliegenden Trikot umschauen. Nach dem Wechsel auf die Laufstrecke hatte ich immer noch keinen Schimmer wo ich mich im Rennen befand. Auf der Strecke waren schon die Profis und einige Alterklassenathleten. Aber wer in meiner AK vor mir war konnte ich nicht ausmachen. Die Profis waren genau eine Runde vor mir und ich holten den Dänen Martin Jensen den späteren 5. Platzierten schnell ein. Er schaute ziemlich verdutzt. Damit hatte er nicht gerechnet. Immer im gleichen Abstand von hinten sah ich den späteren Sieger Jordan Rapp und an seiner Seite Sylvain Sudrie. Rapp konnte mich noch überholen aber Sudrie der Weltmeister des Vorjahrs schaffte das nicht mehr.
Immer wieder bergauf
Zum ersten Mal hatte ich meinen Trinkgürtel mit 6 Gels gefüllt bei mir. Ich wollte auf das Elektrolytgetränk des Veranstalters verzichten, weil das mir bei den letzten Rennen in Köln und Kopenhagen nur Magenschmerzen verursacht hatte. Und es klappte perfekt! Am Anfang nahm ich an jeder Verpflegungsstelle einen Becher Wasser von dem ich etwa einen Schluck trank und an jeder zweiten Verpflegungsstelle nahm ich einen Schluck aus der Gelpulle. Ich hatte zu keiner Zeit Probleme mit dem Magen oder sonstige Verdauungsbeschwerden. Einfach ideal. Außerdem ist es an den Verpflegungstellen immer einfacher Wasser zu bekommen als andere Getränke. Einmal wollte ich Coke nehmen und ich bekam keinen Becher zu greifen. von da ab nahm ich an jeder Station einen Schluck aus der Pulle und dazu Wasser. In der zweiten Runde als ich nicht an jeder Station Gel zu mir nahm hatte ich eine kurze Krise. Doch in der dritten Runde kam meine Energie zurück und ich konnte wieder richtig Gas geben. Nach vorne konnte ich mich nun an den US Amerikanern Curt Chesney und Tim Hola orientieren. Ich holte in jeder Runde auf sie auf. Doch ob das für den Weltmeistertitel reichen würde, wusste ich nicht. Curt hatte 2010 auf Hawaii meine Alterklasse gewonnen und war dieses Jahr schon wieder zweiter geworden. Er war mein Hauptkonkurrent. Insgeheim hoffte ich, dass er ein bisschen müde sein würde von Hawaii. Ich lief also das beste Tempo, was noch drin war, bergauf fiel es mir schwerer aber bergab machte es richtig Spaß. Dort konnte ich auch den zweiten Deutschen Profistarter Clemens Coenen in meiner dritten und seiner vierten Runde überholen. Ich war deutlich schneller als er. Auch Michael Raelert sah ich jetzt immer an der gleichen Stelle auf der Runde.
Full speed

Das bedeutete, dass ich auf ihn keine Zeit verlor. Das baute mich unterwegs mächtig auf. Er sah allerdings stark angeschlagen aus und hatte einen schlechten Laufstil. Aber immerhin, ich konnte mit ihm mithalten und später sah ich auf der Ergebnisliste, dass ich schneller gelaufen war als er. Die letzte Runde und den letzten Streckenabschnitt ließ ich es noch einmal richtig krachen. Die Müdigkeit machte sich nach 25 km natürlich bemerkbar aber die abschüssige Strecke verleitete zu einem Highspeed Tempo bis ins Ziel.
I am flying.
Im Ziel
Im Ziel war ich richtig ausgepumpt und konnte eine halbe Stunde kaum etwas essen oder trinken. Aber es gab Sprite und einen Nudelsalat und vieles weitere und nach einer Massage und Stretching im geheizten Zelt fühlte ich mich gleich viel besser. Auf der Strecke hatte ich alles gegeben.
Vor der Siegerehrung nahm ich die Ergebnisliste zur Kenntnis. Schade, ich war der zweitschnellste Amateur, aber Curt Chesney war der schnellste und auch vor mir in der M40. Das ist Schicksal. In jeder anderen Altersklasse wäre ich Weltmeister geworden nur in meiner nicht. Selbst bei den Profis hätte ich noch gut ausgesehen als 16. oder 17. Ich konnte hochkarätige Profis wie Stephan Poulat aus Frankreich oder Clemens Coenen hinter mir lassen. Ich war schneller gelaufen als Michael Raelert und trotzdem nur der zweite Platz in der M40. Curt als ehemaliger Radprofi fährt einfach schneller Rad, als ich schneller laufen kann als er. Das war schon auf Hawaii so. Ich werde also auf dem Rad noch schneller werden müssen. Bevor ich aber an der Verbesserung meiner Radleistung arbeite, mache ich mich erst einmal auf in die verdiente Pause von 3 bis 4 Wochen, bis hoffentlich genug Schnee fällt und ich wieder auf die geliebten Langlaufski steigen kann.






Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen