Sonntag, 19. August 2012

Emrunman ohne Happy End

Dieses Mal gibt einen Post ohne Happy End. In Embrun über die Langstrecke musste ich zum erstenmal seit Mitte der Neunziger Jahre also seit fast 20 Jahren ein Rennen aufgeben. Ich war mit hohen Erwartungen nach Embrun gereist. Der Embrunman sollte mein Hauptwettkampf für 2012 sein. Aber erstens kommt es anders zweitens als man denkt. ich freute mich richtig auf einen Wettkampf in den Bergen.
Das Schwimmen war schon etwas ruppig. Bei Dunkelheit wird um 6:00 Uhr gestartet. Ein Landstart mit Sprint über den Kiesstrand bis zum Wasser. Im Wasser weiß man zuerst nicht, wo man sich befindet und man bekommt Prügel von überall her, weil wohl keiner so genau weiß, wo die erste Boje sein soll. Nach etwa 100 Metern entwirrt sich das Knäuel wieder und ich schwimme einfach den anderen hinterher. Die zweite Boje ist noch nicht zu erkennen aber hinter ihr sind starke Scheinwerfer aufgestellt. Sie sind ein hervorragender Orientierungspunkt. Sogar besser als bei anderen Wettkämpfen bei hellem Tageslicht. Sobald man diese Boje umrundet hat wird es wieder schwierig, weil die nächste Boje wieder nicht zu erkennen ist. Als die Sonne aufgeht, schwimmt man gegen das Licht und wird geblendet. Dafür ist der See schön ruhig und das Wasser sauber. Auf der zweiten Runde macht sich meine linke Wade bemerkbar. Was ist das? Das gibt's doch nicht. Schon beim Schwimmen Probleme mit Krämpfen. Ich kann mir nicht erklären woher das kommt. Die  Beine sollten doch ausgeruht sein.
Bei einer Langstrecke macht das Schwimmen aber nicht so viel aus. Ein oder zwei Minuten mehr ist nicht tragisch. Immer positiv denken. Mit 56 min über die 3,8 km kam ich aus dem Wasser. Ok das ist nicht gut aber auch nicht so schlecht. Ich hatte 54 min als Ziel.
Schwimmausstieg vor beeindruckender Bergkulisse

Jetzt ein schneller Wechsel und ab geht's auf's Rad. Doch so schnell war der Wechsel nicht. In Embrun müssen die Räder richtig blöd von oben nach unten aufgehängt werden. Da läuft das Getränk aus den Flaschen und das Rad verhakt sich mit allem was drumherum hängt. Alles lief gut bis ich die Handschuhe anziehen wollte. Mit den Neopren hatte ich einen Handschuh einfach weggefegt. Er war nicht mehr zu finden. Erst nach längerem suchen fand ich ihn wieder. Dann dauerte es noch eine Ewigkeit bis ich die engen Aerohandschuhe angezogen hatte. Die Frage ist, ob man überhaupt Handschuhe braucht oder ob ich die Handschuhe das nächste Mal irgendwann während der Fahrt anziehe. Das kann aber auch schwierig werden. Kostet aber nicht so viel Zeit.
Gleich nach dem Wechsel geht es in Embrun einen knackigen 8 km langen Anstieg auf kleinen Straßen hinauf. Ich ließ mich erst mal überholen. Andere Konkurrenten fuhren los wie auf einer Kurzstrecke. Oder war ich nur besonders langsam? Ich kannte die Strecke nur von der Karte und den Höhenprofilen. Jetzt in der Realität war die Strecke noch beeindruckender. Sehr steil und kurvig.
Nach 20 km war ich wieder an allen dran und in den rolling hills Richtung Embrun, die von der Streckencharacteristik an Hawaii erinnern, lief es richtig gut.
Noch kurzes Lächeln an der casse deserte am Izoard kurz bevor die Krämpfe zuschlagen.
Nach einem Abschnitt auf der Nationalstrasse geht es dann wieder auf kleinen Straßen Richtung Col d'Izoard. Nicht steil aber auch nicht flach. Ich war nun in einer Gruppe, die ganz gut lief. Das Tempo war mir eigentlich zu langsam aber bis km 100 mache ich bei einem Ironman keinen übermäßigen Druck.  Der Einstieg in den Izoard war überwältigend mit einer riesigen Schlucht und einem wilden Fluss neben der Straße. Es war überhaupt nicht steil. Nur etwas kühler wurde es in den engen Schluchten und in den Tunnels. Ich hatte mich bis auf Platz 22 vorgearbeitet. Ab Kilometer 100 wollte ich loslegen. Doch jetzt begann der Izoard seinen Tribut zu fordern. Es wurde steiler und heißer. Ich fuhr noch locker an den ersten Frauen vorbei als plötzlich Krämpfe meine beiden Beine lähmten. Das hatte ich noch nie erlebt. Irgendetwas war hier faul. Ich schaltete auf meinen kleinsten Gang und versuchte so die Krämpfe durch leichtes Kurbeln in den Griff zu bekommen. Es half nichts. Die Schmerzen wurden immer schlimmer. Beiden Waden und die Rückseiten der Oberschenkel waren betroffen. Ein Konkurrent nach dem anderen ging wieder an mir vobei. auch die ersten Frauen zogen davon. Ab jetzt hieß es damage control mode. Über 2000 m Höhe wurde zudem die Luft dünn. Das kannte ich noch von früher vom Langlaufen auf dem Gletscher. Jetzt gingen mir immer wieder die gleichen Gedanken durch den Kopf: Warum hast du keine Kompaktkurbel montiert? Warum bist du nicht noch mehr Pässe gefahren? Das ist doch ganz anders als alle Berge im Odenwald hochzufahren.
Vom Gipfel des Izoard bis in das Radziel war es nur noch ein Überlebenskampf. Nur nicht zu viel Druck machen, dass die Krämpfe nicht wiederkommen. Immer wieder musste ich die Beine dehnen und mit treten ganz aufhören. Die Temperaturen an den Sonnenhängen stiegen unaufhörlich. Ich hielt mich an meine Verpflegungsstrategie doch es kam kein zweiter Wind. Es wurde eher noch schlimmer.
Auf dem Rückweg vom Izoard nach Embrun geht es auf der Nationalstrasse nur noch bergab. Doch die Triathleten werden auf schönen kleinen Straßchen am Hang immer wieder bergauf und bergab gejagt. Das hätte wirklich Spaß machen können, wenn ich nicht die Krämpfe und noch Energie  gehabt hätte. Ich hatte sogar Angst, dass ich an einem Berg absteigen müsste. Doch irgendwie ging es doch immer weiter. Ich schaute nur noch neidisch auf diejenigen, die mich überholten und ihre Kompakt oder Dreifachkurbeln. Ich hatte mit 39x 28 auch einen kleinen Gang aber offensichtlich nicht klein genug für die Strecke und meine Krämpfe. Der Izoard an sich ist nicht so steil. Nur kommt der erst nach 100 km, da hat man schon etliche kleine Stiche in den Beinen.
Den größten Rspekt hatte ich vor dem letzten Berg in Embrun dort sollte es 3 km 17% hochgehen. Ich wollte in Embrun eigentlich aufgeben und den Berg nicht mehr in Angriff nehmen. Es ist aber gar nicht so einfach aufzugeben, weil einen niemand von der Strecke lässt. Also versuchte ich den letzten Berg auch noch. Dort lief es gar nicht mal so schlecht. Ganz locker kurbelte ich hoch. Die Strecke war auch ganz schön. So eine richtige Hinterpfuiteifelstrecke, die Straße keine 2,5 m breit, der Asphalt Schmolz in der Sonne hie und da mit ein paar Kuhfladen garniert. Die letzte Abfahrt hinab nach Embrun munterte mich sogar wieder ein bißchen auf. Scharfe gefährliche Kurven mit Löchern, Bodenwellen und Split in den Kurven, eine richtige Mörderstrecke. Nur war ich völlig kaputt. Gut jetzt bin ich soweit gekommen, versuchen wir den Lauf auch noch. Also Aufgeben kommt nicht in Frage.
Ich wechselte auf die Laufstrecke und watschelte los. Die Kilometersplits stoppe ich lieber nicht. Ich will gar nicht wissen, wie langsam ich bin.  Die Laufstrecke hat es auch noch in sich. Vom See hinauf nach Embrun muss noch ein schöner Anstieg bewältigt werden. Dazwischen immer kleine giftige Hügel über Brücken oder Auffahrten. Genau nach meinem Geschmack nur nicht, wenn ich so langsam laufen muss, das kein Krampf in meine Beine fährt. Die Verpflegungsstationen sind schön weit auseinander und es gibt keine eisgekühlten Getränke nur, wenn die Station zufällig an einem Bach liegt, werden die Getränke im Bach oder Brunnen gekühlt. Bei 31° wurde der Lauf nun etwas beschwerlich. In den Stationen hielt ich an und versuchte mich mit Wasser und Schwämmen zu kühlen. Doch die Kühlung hielt nur gespürte 3 Sekunden an. Auf der Strecke überrundeten mich die drei ersten. Nur Marcel Zamora hatte noch einen ordentlichen Schritt drauf. Schon der zweite musste kämpfen und der dritte David Dellow hielt in der Verpflegungsstation auch an. Mit etwas mehr Glück wäre das immer noch mein Wettkampf.
In Embrun im Watschelgang
Ich schleppte mich noch 20 km über die Laufstecke. Aber dann war der Ofen endgültig aus. Mir wurde auch noch schlecht zu meinen Krämpfen. Jetzt war der Zeitpunkt gekommen wirklich aufzugeben. Das war nun nicht mehr gesund.
Meine erste Aufgabe seit Malterdingen irgendwann in den 90er Jahren.
Woran hat es gelegen?
Vor dem Rennen:
Wahrscheinlich war ich von den Rennen in Heilbronn und Immenstadt nicht richtig erholt und habe gleich mit dem Langstreckentraining weitergemacht. Dafür spricht, dass sich meine Wade schon beim Schwimmen gemeldet hat. Meine Muslulatur hatte eine angehäufte Ermüdung in sich.
Den einzigen Pass den ich in der Vorbereitung gefahren bin, war das Furkajoch mit 1700 müM und das 2 Wochen vor dem Wettkampf. Das war schon zu spät. Am Izoard habe ich gemerkt, dass das die Vorbereitung gewesen wäre, die ich gebraucht hätte. Hohe Alpenpässe über 2000 m. Aber wenn die Muskulatur ausgeruht gewesen wäre, wäre das wohl nicht so ins Gewicht gefallen.
Ich habe den gleichen Fehler gemacht, wie die Deutschen Schwimmer bei den Olympischen Spielen. Bei den Vorbereitungswettkämpfen geglänzt und darüber die ruhige Vorbereitung auf das Hauptziel aus den Augen verloren. Nun bin ich kein Profischwimmer in London und was ich dieses Jahr erreicht habe ist auch schon beachtlich. Insofern ist es nicht so schlimm.
Im Wettkampf:
Ein Königreich für eine Kompaktkurbel! Ich hatte schon so eine Vorahnung, dass meine Übersetzung wohl zu groß sein würde, als ich die letzten Kilometer am Furkajoch nur noch unter großer Anstrengung hochgewürgt bin. Damals habe ich noch gedacht, dass der Izoard bestimmt nicht so steil ist. Das wird schon gehen. Vielleicht wäre es auch gegangen, aber nicht mit einer ermüdeten Muskulatur. An meinem Fahrrad hatte ich zwei Trinkflaschen, eine mit Gel und eine mit Sponser Long Energy. Dazu noch die Aeroflasche zwischen den Aufliegern. Da sollte dann Sponser Competition drin sein. Doch durch die saublöde Aufhängung in der Wechselzone ist aus der Aeroflasche alles Getränk während des Schwimmens ausgelaufen. Am Anfang des Rennens auf dem Rad war es noch kühl, da habe ich wohl zu wenig getrunken und als ich dann am Izoard Durst bekam, habe ich nur Wasser getrunken. Da war es wahrscheinlich schon zu spät.

Selbst wenn ich das Ziel nicht erreicht habe, war der Wettkampf doch beeindruckend. Ich hatte vergessen, wie gewaltig die Berge sein können. Meine letzten großen Pässetouren liegen mittlerweile fast 20 Jahre zurück. Es wird Zeit, dass ich mal wieder in die Alpen fahre. Ich werde zurückkommen und meinen Frieden mit dem Wettkampf schließen. Noch nicht im nächsten Jahr aber vielleicht in zwei Jahren. Dann mit einer Kompaktkurbel, einer besseren Verpflegungsstrategie und mit einer Vorbereitung mit hohen Pässen und vor allem besser erholt vor dem Start.


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