Montag, 19. August 2013

Europameister in Wiesbaden

Zum Rennen in Wiesbaden Ironman 70.3 European Championship fällt mir gar nicht so viel ein, weil der Wettkampf so reibungslos gelaufen ist. Wiesbaden ist von mir zu Hause aus leicht in einer Stunde zu erreichen. Was lag also näher nach dem verkorksten Rennen in Nizza die Quali für Hawaii in Wiesbaden zu holen. Manchmal braucht es eine schwere Niederlage um zu einem großen Erfolg zu kommen oder nur aus einem tiefen Tal kommt man auf einen hohen Berg. Ich hatte Glück, dass die Hawaii-Quali- Plätze 2013 nicht in Regenburg sondern in Wiesbaden vergeben wurden. Mit etwas Pokern hätte ich gar nicht nach Nizza gehen müssen und mir gleich am Anfang des Jahres in der Saisonplanung Wiesbaden als Qualiwettkampf aussuchen können.
Am Renntag spulte ich wie üblich mein Ritual ab. Früh aufstehen 4:40 Uhr. Frühstück mit Rosinenschnecke und Apfelsaftschorle, dazu eine Banane und dann ab nach Wiesbaden zum Start. Die Rosinenschnecke entwickelt sich gerade zu meinem Lieblingsfrühstück vor einem Rennen. Sie hat schön viel Zucker ist aus Weißmehl und die Rosinen bringen den Traubenzucker in natürlicher Form.
Mit fast 2 Stunden bis zum Start hatte ich viel Zeit meine Wechselzone einzurichten und den Weg von Schwimmausstieg bis zum Radausgang etliche Male durchzulaufen. Das wichtigste ist früh aufs Klo zu gehen, wenn die Schlangen vor den Dixi-Klos noch kurz sind und es noch Klopapier gibt. Später werden die Schlangen unerträglich lang und die Klos unappettlich.
In Wiesbaden wird die Wechselzone nicht geschlossen, wenn die Starts schon voll im Gang sind, das ist einerseits sehr schön, weil man die Profis hautnah sehen kann. Andererseits ist es sehr eng und man hat manchmal Unbeteiltigte im Weg.
Sehr schön ist der Altersklassenstart in Wiesbaden. Es sind nur Gleichaltrige um einen herum. Einfach wunderbar für mich. Ich war sofort mit der Spitze im Wasser. Kein Geprügel um Plätze, allenfalls ein bißchen Geschiebe. Aber das ist ganz natürlich, wenn man im offenen Wasser die Orientierung sucht. Bis zum Australian Exit hatte ich die Spitze immer im Sichtfeld. Beim Ausstieg holte ich die fehlenden Meter zum Führenden an Land auf und sprang als Dritter wieder ins Wasser genau hinter den Ersten. Auf der Runde zum Ziel suchte ich mir einen schnellen Schwimmer aus und blieb im Wasserschatten. Leider verpasste ich an der letzten Wende die Spitze, weil mein Vordermann eine Lücke aufreissen ließ. Das war aber nicht so schlimm, wahrscheinlich hätte ich es nicht ganz geschafft dran zu bleiben und ein Loch zuzuschwimmen ist sehr schwierig. Das kostet nur unnötig Energie. Also blieb ich hinter Richard Hobson und kam so als 5. ( in der Liste) beim Schwimmen an.
Mit Richard beim Schwimmausstieg
Ich hatte zwar nur drei Konkurrenten vor mir ausgemacht aber vielleicht hat sich einer noch vorbeigeschlichen im Gewühl.
Blick auf das Wechselzelt und vorbei and Richard

Mein Wechsel war richtig schnell.
Auf den ersten Kilometern hielt ich  mich sehr zurück, trotzdem überholte ich ständig andere Altersklassenathleten aus vorherigen Startgruppen. Bei ca. 5 km kommt Richard Hobson von hinten. Ich lasse ihm gern den Vortritt. Diesesmal will ich das Radfahren sehr konservativ gestalten, nur auf mich selbst achten. Kein Rennen gegen irgendeinen Konkurrenten. Der Stachel von Nizza saß noch zu tief. Dort hatte ich versucht mit anderen mitzuhalten und dabei habe ich die Ernährung vernachlässigt und zeitweilig bin ich über meine vorgesetzte Schwelle von 80 % HFmax gegangen. Das sollte mir hier nicht passieren.
Herzfrequenzprotokoll von Wiesbaden: Radfahren optimal immer unter 80%, Laufen diesmal bei höherem Puls über 80%
 Ein bißchen beunruhigt bin ich doch als sich Richard Hobson immer weiter entfernt. Er ist bis dahin der einzige aus der AK 45, der an mir vobei fährt. In Wiesbaden sind einige alte Ex-Profis am Start, so dass ich schon etwas Muffensausen hatte den Hawaii-Slot zu ergattern. Von den ersten 4 in der AK 45 von Nizza sind 3 wieder am Start. Allerdings sollten die mir den slot nicht wegnehmen. Die sind schon qualifiziert.
So fahre ich dahin, ständig am Überholen der vorderen Alterklassen. Irgendwo weiter vorne am Horizont sehe ich manchmal Richard Hobson. Wo wohl die anderen aus meine Startgruppe sind? In Nizza haben mir die besten aus der AK einige Minuten aufgebrummt, weil ich in Nizza überhaupt nicht richtig schwimmen konnte. Es war einfach kein Platz da zum Überholen. In Wiesbaden war das völlig anders. Ich konnte frei mein Tempo schwimmen und das hat auch die Zeit von 25:45 min gezeigt. Die beste Zeit auf 1,9 km seit langem.
Irgendwann überholt mich ein gewisser Fabian mit einer Nummer aus meiner Startgruppe mit einem ordentlichen Tempo in einer Abfahrt. Ich musste gerade wegen anderer Teilnehmer ziemlich runterbremsen in  einer Kurve. Es fällt mir schwer wieder an Fabian heranzukommen. Ich lasse ihn ziehen. Heute ist nicht der Tag anderen hinterherzufahren, wie ich Kraichgau wo ich dem Duathlonweltmeister hinterhergefahren bin. Kein Risiko. Die Radstrecke in Wiesbaden ist sehr schön. Mal lange Berge mal kurze, mal spiegelglatter schneller Belag, mal Holperstrecke, dass einem die Hände vom Lenker geschlagen werden.
Eine Weile denke ich noch über diesen Fabian nach. Ich kenne in Deutschland keinen in meinem Alter der Fabian heißt und so viel schneller fahren kann als ich. Na gut dann ist er eben besser. Ich muss ihn beim Laufen wieder auflaufen, wenn's geht. Nach dem Rennen sehe ich, dass das Fabian Jeker aus der Schweiz war. Der ehemalige Radprofi  der einmal die Tour de Suisse nur um eine Sekunde gegen Jan Ullrich verloren hat. Die Berge werden länger und da komme ich auch an Richard Hobson wieder heran. Es geht die Platte hoch, eine vierspurige Straße nicht besonders steil aber doch lang genug um am Ende doch hart zu werden. Auf der anderen Seite brausen die Profis mit einem Affenzahn Richtung Wechsel hinunter. Es macht richtig Spaß, weil meine Beine gut sind und ich immer schön unter 80% fahren kann selbst wenn es steil wird. Ich nehme dann immer etwas raus und es ist trotzdem schnell genug. Mein 28iger Ring hinten ist Gold wert. Selbst wenn ich mit einem 23iger hochkommen würde, kann ich mit dem 28iger die Trittfrequenz viel höher halten. Das schont die Beine für den Lauf. Auch die Verfpflegung klappt heute wieder viel besser. 2 x 0,75 Sponser Competition und Isotonic, dazu 2 Liquid Energy Gels a 70 g, alles optimal.

Die Radstrecke in Wiesbaden hat richtig schöne Ecken und ist insgesamt härter als Kraichgau. Trotzdem vergeht die Zeit im Nu. Am Schluß geht es noch mit einem Höllentempo hinunter nach Wiesbaden. Dort habe ich noch einmal einen adrenalin rush. Ich bleibe in der Aeroposition und sehe ein Loch in der Fahrbahn nicht. Mir schlägt es die Hände vom Lenker. Gerade noch  kann ich einen Sturz bei Tempo 70 km/ h vermeiden. Ich bin wieder wach und voll konzentriert.
Jetzt ein schneller Wechsel und ab zum Laufen. Die Wechelzone kommt schneller als ich gedacht habe. Ich bin noch nicht aus meinem linken Schuh. Es geht gerade noch gut, ich kippe nicht um und komme vor dem Balken aus beiden Schuhen und sie hängen noch am Rad. (Da hängen sie noch heute, ich hatte noch keine Lust mich auf's Zeitfahrrad zu setzen). Im Fernshen sehe ich, dass es Richie Nicholls dem Sieger genauso geht. In der Wechselzone suche ich zuerst meinen Beutel. Es dauert etwas länger als normal, wenn die Beutel auf dem Boden liegen. Beim Ironman hängen die Beutel an Haken ziemlich eng aneinander. Da ist es schwierig den eigenen Beutel schnell zu finden. Es geht aber schon besser als in Nizza, wo ich noch mal zurücklaufen musste. Also Helm runter und Socken und Schuhe anziehen. Beim linken Socken habe ich Probleme. Mein linker Socken ist vorne verwurschtelt und hat eine dicke Falte. So kann ich nicht loslaufen. Also den Socken noch mal schön gerade ziehen sonst gibt es Schmerzen auf der Laufstrecke. Da ist auch wieder Richard Hobson. Ich dachte ich hätte ihn abgehängt. Das waren aber nur ein paar Meter. Na gut dann hänge ich ihn halt beim Laufen ab. Raus auf die Laufstrecke und los. Aber nicht Volldampf sondern schön kontrolliert unter 80%. Das halte ich auch genau 4 km durch dann schalte ich den Piepser aus. Die Zwischenzeiten von über 4 Minuten haben mich verunsichert. 4min 10 s das ist viel zu langsam, wenn ich diesen Fabian noch einholen will. Das kann jeder Laufen. Ich muss um die 3:40 Laufen, wenn ich nach vorne noch was reißen will. Heute gibt es beim Laufen keine Bremse. All out oder all in in der Nähe des Casinos, es geht um die Hawaii-Quali. Da muss ich nichts zurückhalten. Nur nicht überpacen. Auf der Laufstrecke sind hunderte Athleten. Es ist unmöglich zu erkennen, wer in meiner Alterklasse ist. Ich habe keine Ahnung wo ich liege. Ich versuche den Fabian auszumachen, der mich auf dem Fahrrad überholt hat. Aber ich erinnere mich nur noch, dass er etwas schwarzes anhatte und scharze Socken. Also jage ich jeden mit schwarzen Socken. Es gibt aber nicht viele mit schwarzen Socken und außerdem sind die Startnummern jetzt vorne, so dass ich die Nummern von hinten nicht mehr lesen kann.
Da hilft alles nichts, ich muss einfach so schnell laufen wie es geht. Die Kilometerabschnitte über 4 Minuten sind normal. Das sehe ich in den den folgenden Runden. Es geht leicht bergauf. Auf der anderen Seite geht es wieder bergab. Da ist der Schnitt atemberaubend. In der Ergebnisliste steht sogar 3:06 für einen Abschnitt. So schnell bin ich schon lange nicht mehr gerannt. Ich übe schon mal meine Ernährungsstrategie für Hawaii. Ich muss mich an das Isogetränk an der Strecke gewöhnen. Dann an jeder zweiten Verpflegungsstation ein halbes Gel von 70 g. Das hat früher auch immer sehr gut geklappt. Mir tun langsam die Füsse weh. Die Laufstrecke in Wiesbaden geht über Schotter, Asphalt und Pflaster.
Es wird Zeit für neue Wettkampfschuhe.
Auf den letzten Metern versuche ich noch mal zu beschleunigen und liefere mir sogar noch ein Duell mit zwei anderen Athleten aus früheren Startgruppen. Im Ziel bin ich froh, dass das Ganze hinter mir liegt. Auf einer Bank sitzt dort schon Uli Nieper. Aha, der war wohl schneller als ich. Na gut der ist ja schon für Hawaii qualifiziert. Dann sagt er mir aber, er sei ausgestiegen und ich wäre woh der erste der AK 45.
Ich kann das noch nicht so richtig glauben, weil ich doch als vierter aus dem Wasser gekommen bin und keinen aus der AK 45 beim Radfahren überholt habe. Beim Laufen hatte ich überhaupt keinen Überblick. Nach einem Blick auf die vorläufigen Ergebnisse ist es jedoch klar. Ich bin erster der AK 45 und damit Europameister Ironman 70.3.
Die Mitteldistanzen habe ich mittlerweile im Griff. Das läuft sehr gut. Schwimmen war in Wiesbaden am besten, das Radfahren im Kraichgau am besten und bei allen drei Rennen bin ich 1:21 über den Halbmarathon gerannt. Das scheint meine Zeit zu sein. Zu den Profis war der Abstand in Wiesbaden etwas größer, aber das kann daran liegen, dass es verschiedene Felder waren. Außerdem war ich im Kraichgau ein kleines bisschen besser in Form mit der langen Vorbereitungsphase seit dem Winter. Für Wiesbaden war die Vorbereitung ziemlich kurz. Nach Nizza habe ich wenig Umfänge gemacht: 5 h, 7 h, 10 h, 14 h, 10 h, 5 h + 11 h mit Wettkampf so waren die Wochenstunden. Dazu war ich zwei Wochen vorher noch 4 Tage krank deshalb nur 5 h Training. Aber in solchen Situationen hilft es nichts, man muss warten bis man wieder gesund ist.
Jetzt mache ich eine Woche fast gar nichts und warte bis die Lust und die Energie wieder kommen, dann geht die Vorbereitung für Hawaii los.


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